Dienstag, 13. Juni 2017

Küstenautobahn

Entlang des Schwarzen Meeres haben Arbeiter die Pläne der Ingenieure in eine Autobahn gewandelt. Oft sieht man Spuren, die dicke Maschinen in die Felswände gezeichnet haben. Dort wo die Felsen zu hart oder Boden nicht enteignet werden konnte, habe die schweren Geräte das Gewässer verschüttet. Die Trabzoner müssen seit dem die Betonpiste überqueren, um ans Wasser zu gelangen. Wie in vielen der Küstenorte zieht sich das Häusermeer einige Kilometer dahin. In die Höhe konnte man nicht bauen. So richtig schön ist das nicht. Mit den Neubauten wird versucht, Farbe ins Grau zu bringen. Es gelingt bei Sonnenschein ganz gut. Das feuchtwarme Klima bestimmt die Bemalung der älteren Häuser: Pilzgraugrün, besonders in den Ecken, die keine Sonnenstrahlen abbekommen.
In Trabzon wollte ich etwas rasten. Die Biene hatte eine Durchsicht verdient. Zündkerzen nachsehen, Vergaser und Bremsen prüfen, na ja, was eben so eine Biene braucht. Im Internet wurde ein Werkstatt angezeigt. Mit dem Taxinavi fand ich sie letztlich. Sie sollte ab 8 Uhr offen haben. Gegen 9:15 kam der Chef und schloss auf. Er konnte die Arbeiten nicht ausführen​, bei einem solchen Motorrad schon gar nicht. Ankara, 850 km oder Istanbul, 1450 km wurden angeboten. Ich habe wohl sehr enttäuscht geschaut. Dann, nach einer kurzen Pause schlug er noch Samsun vor. Er sei sich sicher, dort können die Arbeiten erledigt werden. Der Hotelmitarbeiter hatte Verständnis für meine Lage. Es gab kein Problem bei der unerwarteten Abreise.
Jetzt hatte ich nur noch ein Ziel vor Augen, Werkstatt Samsun, 360 km. Mit dem Kradl darf man nur 90 km/h auf dem Highway rollen. Es gibt regelmäßig Kontrollen. Zu schnelles Fahren kann teuer werden. Unterwegs traf ich noch eine Biker aus England. Über Spanien, Frankreich und die Balkanstaaten war er auf den Weg nach Georgien. Er war schon in Australien, Indonesien und wollte jetzt noch Neuseeland kennen lernen. Netter junger Mann. Gegen 15:30 erreichte ich die östlichen Ausläufer von Samsun. Um zur Werkstatt zu gelangen, musste ich zum anderen Ende der Stadt 19 km fahren.
Die Typen waren wieder einmal originell. Sie kannten eine Mechaniker in Deutschland, den sie anriefen. Der übersetzte mein Begehr und bald wurde eifrig geschraubt. Besonders gefiel mir Alsu mit seinem Hund Friedrich Nietzsche. Er hatte dicke tätowierte Arme, Bart und fuhr eben auch Motorrad. Leider war das Gespräch mit ihm begrenzt. Nietzsche ins Englische zu übersetzen gelang mir schon deshalb nicht, weil ich ihn selbst kaum verstanden habe. Auch Biker sind jenseits von Gut und  böse. Der Meister hingegen druckte sich die Wartungsanleitung für die Tenere aus und hakte fleißig ab. Die Zündkerzen sahen gut aus, das hätte ich bei dem "Sprit" der letzten Wochen nicht gedacht. Zwischendurch erzählte ich von meiner Tour. Das kam gut an. Der Preis war überraschend gut aber die Zeit war verstrichen. Fast 18 Uhr zeigte die Uhr. Zuversichtlich fuhr ich aus der Stadt. Auch auf dem Land gibt es Hotels. Na ja, gegen 19 Uhr musste Sabines Zauberspruch herhalten und siehe da, nach der nächsten Kurve wies ein Schild zum Hotel. Sehr ordentlich, sehr preiswert und ein gutes Abendbuffet. Ich habe Zeit und so schaute ich am Morgen in den Reiseführer, welcher nächst Beste Ort zum Verweilen einladen würde.
Ich schreibe aus Sinop. Eine kleine Halbinsel beherbergt den Ort. Hätten die Russen damals keine Kanonade auf den Ort losgelassen , wäre er noch schöner. Nur wenige alte Häuser sind erhalten geblieben. So verdient er drei Tage Verweilen.

Samstag, 10. Juni 2017

Ein bisschen Ällgäu in Ostanatolien

Inzwischen bin ich am Schwarzen Meer. Es regnet und man kann das Meer nicht vom Himmel unterscheiden. Grau ist die  bestimmende Farbe. Hatte ich schon lange nicht mehr.

Meien Augen spazieren über die fruchtbare Steppe. Sie stolpern über Steinhaufen, bleiben an kurzen Büscheln hängen. Ehe sie die Berge im diesigen Licht erreichen, haben sie die Entfernung noch nicht erfasst. Es ist die Länge der Augenwanderung, die sich von bisher betrachteten Landschaften und unterscheidet. Unterhalb des westlichen Ararat im ostanatolischen Hochland ändert sich die Landschaft. Sie erinnert ein wenig an das Allgäu. Grüne Almflächen wachsen die Hügel empor. Jetzt, wo das frühe Jahr aus vollen Zügen lebt, ziehen Matten gelber Blumen die Hänge empor. Blüten in zartem Lila wiegen sich dazwischen im Wind wie ein Tüllschleier. Fällt das Licht der Sonne günstig zeigen sich weiße kleine Blüher an ihren Rispen wie zarte Wellen am Meer. Zwei große Greifvögel mit ausladenden Schwingen lassen sich von der mageren Thermik  tragen. Immer wieder helfen ihre Flügelschläge, die Höhe zu halten. Prachtvoll. Vom Pflug gebrochene Erde treib ihren feuchten Atem über die Straße. Letzte Schneeresten zeugen vom eisigen Winter. Die Abstände machen den Unterschied zum Allgäu aus. Alles wirkt großzügiger. Nur die Almhütten, die sich am geschütztem Fleck versammelt habe, sind aus grauem Balkenholz. Jede hat eine Veranda, auf der sich der Abend erwarten lässt. Wellblechdächer an Stelle von Schindeln. Menschen hämmern und graben. Für den Almsommer soll alles gerichtet sein. Ein idyllisches Dorf.
Später dann, auf der dem Schwarzen Meer zugewandten Seite wachsen Kiefern und Laubbäume. Sie schenken mir ein wenig Heimat. Eine Wiesenflächen im Hochwald mit kleinen Picknickpavillons lädt zu verweilen ein. Ruhe über Allem. Kühe mapfen Gras und schauen treu. Eine Hündin beäugt mich und sichert ihr Revier. Ein Platz für eine Nacht. Jedoch, das Wetter ist trügerisch. Die Wolken sehen nicht freundlich aus. Gestern, am Abend, gab es ein heftiges Gewitter mit haselnussgroßen Hagelkörnern. Das möchte ich nicht hier oben erleben. Eine wunderbare "Alpenstraße" erwartet den Motorradfahrer. Im oberen Teil durch die engen Serpentinen anspruchsvoll. Weiter unter sind die Kurven weicher. Es lässt sich wunderbar "cruisen." Die Laster, die schnell nach Hause wollen lasse ich gerne vorbei. Eine zeitlang sprang ein Bach, später ein Fluss neben dem Fahrweg. Er wird in einem riesigen See gestaut. Der Fluß Coruh speist mit seine Nebenquellen dieses gigantische Gewässer. Jetzt, wo die Straße weit oberhalb verläuft, sieht man welche Täler überflutet sind.
Ein kleines Hotel in Arhavi bietet Bett, Dusche und WiFi. Es ist höchste Zeit, denn bald verschwimmt der Horizont des Meeres im Grau des Himmels. Wenig später fallen die Tropfen aus den Wolken und hören den ganzen Abend nicht mehr auf.

Letzte Schneeresten auf den Gipfeln zeugen von kalten Wintern. Der Unterschied zu den bayerischen Bergen liegt in den Abständen. Alles ist größzügiger.

Freitag, 9. Juni 2017

Frauenfrage

Als ich Kind war, beobachtete ich, wie meine Mutter Geld in Briefumschläge tat. In einer Zigarrenkiste schienen sie sicher. Es war das wöchentliche Haushaltsgeld. Ab 1954 durfte sie nach Absprache mit meinem Vater als Aushilfe im nahen Krämerladen bei Herrn Schulz arbeiten. Später beim Maschenaufziehen (die Perlons wurden noch repariert). Das Lochen der Lottoscheine kam später. Eine Kleinigkeit konnte sie sich selbst kaufen, bei einem Kostüm musste verhandelt werden. Sabine geht Shoppen und kommt mit hübschen Sachen nach Hause. Ich bekomme sie immer ganz frisch vorgeführt.
Im Iran scheinen die meisten Frauen den Haushalt zu führen. In Hotels erlebte ich Frauen an der Rezeption. Sie könnten meist Englisch  sprechen. In den BH Abteilungen der Basare boten männliche Fachverkäufer die Ware an. Feldarbeiterin, Lehrerin und Krankenschwester sind Berufe, in denen sich Iranerinnen besonders wohl zu fühlen scheinen. Alis (lernte ich am Kaspischen Meer kennen) zweite Tochter ist eher eine Ausnahme. Sie ist promovierte Biologin und arbeitet in einem Labor. In einer Bildungsschicht ist immer mehr möglich. In einem Gespräch mit einem deutschen sprechenden Iraner erfuhr ich, dass er vor der Revolution mit seiner Freundin gemeinsam baden ging. Sie im Bikini. Heute trenne ein Bretterzaun Männer und Frauen voneinander. Die jungen Leute hätten keine Freude mehr. Früher gab es eine Bordellstraße, heute sei alles verboten. Seine Tochter soll später zur Uni gehen. Er fand gut, dass jeder für sich eine Arbeit entwickeln kann. Sei es Feuerzeuge auf der Straße verkaufen. 
Also, ein bisschen hatte ich die Frauen in ihren schwarzen Umhüllungen satt. Schuhe, Hose, Überkleid und Umhang, alles schwarz. Der weite Umhang verhüllte den Kopf, manchmal Teile des Gesichts und wurde mit der rechten Hand vor dem Kind zusammengehalten. Manch Umhang hatte ein dezentes  Muster, wahrscheinlich ein Wagnis. Wurde die rechte Hand benötigt, hielten die Zähne den Überwurf beieinander. Sie huschen  wie Fledermäuse durch die Straßen. Es gibt viele Frauen, die sich westlicher kleiden. Ein Kopftuch fehlt nie, ebenso ein gedecktes, den Körper verschleierndes Kleid. Ich bin mir nicht sicher, wie viele von ihnen das Schwarz abwerfen möchten. Sie sind es gewohnt. Wann kommt man in die Lage, Veränderungen Raum zu geben? Wie lange hat es bei mir gedauert, bis ich die lila Latzhose als Recht auf eine eigene Persönlichkeit nachfühlen konnte. Noch schwerer war es, die eigene Person mit allen Widersprüchen anzunehmen. Der schwarze Umhang wirkt doch unterdrückend. Selten sah ich eine Frau stolzen Ganges auf mich zugehen. Schöne Landschaft, alte Kultur, freundliche Menschen, phantastische Märchen, was hindert das Land, alles zu zeigen was es hat?

Von Tabris zur Grenze, Aserbaidschan

Gute 4400 km bin ich im persischen Märchenland gefahren und heute wieder heil an der Grenze gelandet. Eine letzte Nacht auf einer persischen Matratze wollte ich mir vor dem Wechsel in die doch westlich angehauchte Kultur noch gönnen. Ohne Hast das Land verlassen, welches zu bereisen bereits die Träume meiner Kindheit belebte. Tee, eine letzte Tasse vor der Abfahrt. Mehr sollte nicht möglich sein, ein Rumoren in den unteren Därmen verbot das Essen. Trotz aller Vorsicht hatte es mich erwischt.
Man hatte mich gewarnt, an der Grenze stehen Helfer, die wollen Geld verdienen. An der ersten Schranke winkte mich gleich einer am Schlagbaum vorbei und bedeutete mir, anzuhalten. Habe ich aber nicht und bin eifrig weiter gefahren. Dann wurde es unübersichtlich. Viele Spuren, viele Häuser, viele Männer mit gelben Papieren (Carnet der Passage!). Ich also hin. Alles Brummifahrer. Ja, da drüben würde man den Stempel bekommen. Ein Stück weiter, ja hier nur für die Einfahrt. Ausfahrt geht oben. Also die Straße weiter hoch. Durchfahrt versperrt. Haste du noch Iran Geld, tauschen? Nein, hab alles  versoffen. "Yes, drunken!" "No Money?" "Nein, alles versoffen!" "Carnet?" Achselzucken. Einer zeigt auf ein Haus. Ich hin. "No, no,
Passport." "Wo?" Er zeigt in eine Richtung. Inzwischen haben mich drei Männer angebaggert, sie wollen mir helfen, "kein Geld." Das gibt es nicht. Lange Schlange vor dem Passschalter. Ich versuchen es von der anderen Seite, der Zöllner vergrault mich. Kommt einer mit Aktentasche und weißem Hemd, wirkt offiziell. "Give me Paß, no waiting." "How much?" No no... Den Paß gebe ich ihm nicht, sage aber "Go." Er marschiert an der Schlange vorbei zum Zöllner. Kurzes Palaver, Blick in den Computer, rumtippen, Zack ist der Stempel im Pass. Der mit dem Hemd:" Carnet!" Ich:" OK, Go!" Das Carnet wird rausgesucht. Am ersten Tisch an der Schlange vorbei. "Salam, mach mal deinen Kringel auf's Papier!" Kringel erfolgt. Weiter zum nächsten, der steht vor der Tür und raucht (will ja nur sagen, ist ja Ramadan, von wegen enthaltsam und so...) "Salam alter Schwede, habe hier wieder son Deutschen, der will sein Carnet abstempeln, kann'ste dein Kringel machen?" Ohne Worte wird gekringelt. Zurück vor die Glasscheibe mit Öffnung. Paß und Carnet verschwinden dahinter und werden eifrig bearbeitet. Zwischendurch hatte ich den Eindruck, er findet mich nicht im IT-Universum. Dann aber doch. Stempel drauf und fertig. Der  Helfer bekommt noch ein Papier. Der,  "ready, to Motorcycel and go!" Na prima, keine 40 Mitnuten seit dem ersten Schlagbaum. Am Grenztor winkt er mit dem Papier. "50 € Service." Arsch, denke ich und lache ihn an. "You are prima Helper. Tank you! Gut, not 50 €. 15 OK." Er spielt den Entsetzen. " Nö, 50 €." Ich: "Ist ein bisken fülle für die paar Minuten." Er: "I don't understand." " Make a new Price!" Das Weißhemd: "Ok, 40  €." Ich schüttele mein weises Haupt und zeige mit dem Daumen nach unten. Also, wir einigen uns auf 30. Ist immer noch zu viel. Die ganzen Gänge hätte ich bestimmt nicht hinbekommen oder nur nach Stunden. Jedenfalls stehe ich vor dem Tor in die Türkei. Es bleibt erst mal geschlossen. Zwei Soldaten sitzen im Schatten und plaudern. Ich suche Schatten. Nach 10 Minuten gehe ich zu den Beiden. Einer erhebt sich und deutet an, dass er das Tor öffnen wird. Seinem türkischen Kollegen ruft er zu, dass er sein Tor auch öffnen soll. Der macht erst noch seine Aufgaben zu Ende. Wie von elektrischer Energie betrieben schleicht sich das eiserne Tor zur Seite. Gut geschmiert gibt es keinen Ton von sich. Ich durch, Biene abgestellt und zum Häuschen. Der schreibt seiner Geliebten gerade ein Gedicht. Nach dem ich mich geräuspert habe, ist auch das Poem zu Ende geschrieben. Ich soll erst irgendwo darüber gehen. Der hat das Gedicht nötig, so brummig ist der drauf. Also darüber. Hier werden auch Gedichte geschrieben. Paß, carpaper,  ist seine knappe Anweisung. Jetzt schreibt er ein Epos in den Computer. Es wird die zweite Strophe zu meiner ersten Durchfahrt. Der Eintrag kommt in den Pass. Ich wieder zurück zum Ersten. Der ist bestimmt bei der dritten Strophe. Fast wortlos erfolgt das Verfahren zur Einreise in die Türkei. Ich darf weiter. Wie sich ein paar Minuten später herausstellte sagte er mir nicht, dass ich ein Papier benötige. Deswegen werde ich am Durchlass zur Autobahn zurückgeschickt. Krudeliger Untergrund auf der Straße vor dem Tor. Wende da mal 300 kg. Na immer schön ruhig. Alle schauen zu. Jetzt mache ich Show. Ich schiebe die Biene rückwärts. Ein Pickup mit Soldaten steht im Weg. Als ich losfahre sind alle gespannt, ob ich vorbei komme. Im iranischen Verkehr gestählt, fahre ich um Haaresbreite am Auto vorbei. Vor dem Bürohäuschen, an dem ich bei grüner Ampel vorbeifuhr, steht ein Soldat und winkt mich auf die andere Seite, will ich aber nicht. Er winkt heftig. Ich rufe ihm zu, dass ich nicht Einreise. So, der kleinen Zettel, halbe BVG Fahrscheingröße, ist der Toröffner. Fast wäre er davon geflatter aber der Zöllner fängt ihn ein und ich fahre in der Türkei. Schön, dass der 5100 Meter hohe Ararat majestätisch über Allem wacht und an die Biebelstunden bei Pastor Rauh erinnert.
Die Realisierung von Träumen will verdient sein. Ohne Belastung gibt es keine Energie für Zufriedenheit und umgekehrt. Solche Situationen sind anstrengend und ich muss hellwach dabei sein. Ein Fehler, ein falscher Satz können unangenehme Folgen haben. Es hilft sich zu sagen, dass die Anderen auch leben wollen. Manchmal auf eine Art die ich nicht verstehe, aber muss ich das?

Donnerstag, 8. Juni 2017

Sag zum Abschied leise "khoda hafez"

Nun, wo das Ende meiner Fahrt durch Persien naht, ist meine Gefühlswelt ein Kuddelmudel. Ich hoffe, gut über die Grenze zu kommen. Jetzt nach den Anschlägen in Teheran kann ich nicht einschätzen, was und wie kontrolliert wird. Nach zwei Nächten bin ich klüger.
Tabris die 2 Millionenstadt zeigt deutlich, dass sich die meisten Iraner in den bekannten Städten drängen. Gut 75 Millionen Menschen leben in der Gebirgs- und Wüstenlandschaft des vergangenen Weltreiches Persien. Auf der Rangliste der bevölkerungsreichen Länder belegte der Iran 2011 den Platz 17 hinter Deutschland. Neben den Persern leben Aserbaidschaner und Kurden hier. Es soll auch noch die Lust geben, die habe ich leider nicht getroffen.
Landschaftlich hat das Land viel zu bieten. Die mächtigen Berge und die weiten Wüsten, die sich wie ein ausgelaufenes Meer zwischen den Gebirgen erstrecken, sind teilweise von bizarrer Schönheit. Viel trockenem Land wird Nahrung abgerungen.
Die dichte Bevölkerung in den Häusermeeren führt zu der Vereinfachung des Alltags. Man braucht schnell ein Dach über dem Kopf. Da lebt und schläft der alleinlebende Parkplatzwächter im zwei mal zwei Meter Wachhäuschen und lebt vom Anteil der Parkgebühren. Oft wirkt das Urbane lieblos. Das drückt auch die Verschmutzung der Umwelt aus. Kann man sagen, jeder lebt so wie er geliebt wird? Junge und alte Männer schieben schwer beladene Karren durch die Basare. Die Karren sind alt und wirken gebrechlich, die Räder eiern und machen das Schieben schwer. Wen kümmert's! In den Basaren hocken Männer vor ihren Läden. Unmengen von Hosen werden feil geboten. Im Hintergrund des Ladens stapelt sich die Ware bis unter die Decke des Gewölbes. Mir ist unbegreiflich, wer das alles kaufen soll. Fast an jeder freien Stelle unter dem Gewölbe hat ein Kleinhändler ein Tisch aufgestellt oder eine Decke auf den Boden gelegt, um Obst, Feuerzeuge oder Schals zu verkaufen. Auf den Straßen wiederholt sich das. Selten machen sich Bettler bemerkbar.
Meine Reisezeit ist nicht optimal gewählt (Ramadan). Kein Cafe oder Teehaus hat vor 21 Uhr geöffnet. Es gibt kaum ein Ort zum Verweilen und um Leute zu beobachten. Schade.
Nochmals zum Verkehr. Ruß und anderen Abgase entlassen die Motore ungefiltert (wobei das bei uns  ja auch nur Schönfärberei ist...) in die Luft. Den Typen mit der Sense wird es freuen. Die triefende Gemütlichkeit einer aufgeräumten Schwarzwälder Kuckucksuhr gibt es hier nicht. An manchen Häusern werden Rosen und Obstbäume gepflegt. Das Auge erfreut sich daran.
Die Gebirgslandschaft mit dem Wasser und dem kräftigen Laubwald waren mir eine Freude. Die Weite der Wüste und ihr heißer Sand sind nach wie vor irritierend. Das war die Erfahrung wert. Besonders die fast wasserlosen Gebirgszüge mit ihrem vielfältigen Farbspiel von Weiß, Rostrot, Braun, Grünspan, Anthrazit bis Schwarz boten einen Firnis, wie ihn nur alte Meister zaubern können.
Das welke Grau der Städte und der quirlende Verkehr haben manchmal etwas bedrückendes. Das ständige angesprochen werden ist bisweilen anstrengend. Immer Smalltalk geht nicht. Deswegen habe ich mir heute einen Dienstwagen gebucht und mich von Mr. Amesi nach Kandovan fahren lassen. Ein touristisch voll erschlossenes Felsen-Dorf. In den Tuffstein, mit seinen Kegeln, hat man bereits in vorislamischer Zeit Höhlen gearbeitet, um darin zu wohnen. Bis heute leben Menschen dort. Die Höhlenwohnung hat ihre Vorteile, im Sommer ist es schön kühl. Die Tuffkegel (Gestein vulkanischen Ursprungs, lässt sich leicht bearbeiten) sind mit Treppen verbunden, damit die darüber liegenden Wohnräume erreichbar sind. Manch waghalsige Brückenkonstruktion aus rohen Holzbalken verbindet einzelne Kegel miteinander. Eine Augenweide sind die Frauen, sie tragen bunte Umhänge mit blumigen Mustern. Auf dem Rückweg musste Mr. Amise noch den Keilriemen wechseln. Er hatte das gut im Griff. Die Zeit bis zum Essen fassen reichte noch für eine Dusche aus. Sie wäre eigentlichlich nicht nötig gewesen, denn ich wollte in ein ehemaliges Hamam zum Essen gehen. War ich dann auch, war nett (ohne Dusche) und ich bin satt geworden.
Zur Gefühlswelt schreibe ich vielleicht noch etwas, wenn ich das Land verlassen habe.

Dienstag, 6. Juni 2017

Der Ärger der fehlenden Bilder

Der Ärger über die nicht mehr vorhandenen Bilddateien sitzt tief. Schlecht geschlafen, versucht an das Gute zu denken und trotzdem. So ein Verlust will verschmerzen sein. Das macht sich auch in Wut bemerkbar. Die mich beim Überholen schneidenden Autos lasse ich nicht so einfach vorbei. Wenn ich am Gas drehe, bleiben die stehen. Das bedeutet strenge Selbstkontrolle. Zurücknehmen, weiterhin ruhig fahren. Mit Unmut im Bauch kommt man nicht weit.
Ich bin bis Ahar gekommen. Landschaftlichen hübsch. Wieder Berge, einer über 4000 m hoch. Ich fahre auf einer Hochebene. Die frischen Buchenwälder gibt es nicht mehr. Dafür haben Bauern das Land unter ihren Pflug genommen. Getreide, auch Reis, gedeihen ebenso wie Kirschen. Sie sind jetzt gerade reif und werden con Bauern, die mit ihren blauen Pickups am Straßenrand stehen, verkauft. Aprikosen, Melonen und natürlich Tomaten stapeln sich in den Autos oder auf dem Weg. Immer wieder halten Einheimische und kaufen ein. Die Landschaft gibt der Hitze Raum. Doch der ständige Wind von den kühlen Gipfeln macht sie erträglich. Nadelbäume sind rar, dafür habe sich Pappeln und Birken im Land verwurzelt. Die Menschen unterstützen sie dabei.
Bei einem Halt in Ardebil parkte ich zu dicht am Hintereingang der Moschee. Der Mulla kam mit seinem Auto nicht auf den Hof. Ich entschuldige mich und schob meine Biene zur Seite. Als Dank bekam ich eine Honigmelone geschenkt. Dadurch bekam  ich der Nachteil des Alleinreisens deutlich zu spüren. Man kann sich keine Wassermelone kaufen, man schafft sie einfach nicht aufzuessen. Transportiere 'mal eine angegessene Melone bei 34 Grad auf dem Motorrad! Das geht einfach nicht. Und stückweise hat mir noch kein Händler Melone verkauft.
Wie ich also so rumsitze kommen wie immer Männer und wollen wissen wo ich herkomme. "Allmaan," lautet meine Antwort. "Ah, Germany, Germany gut." Dann geht noch "how are you?" Wobei die Gegenfrage schon kaum noch verstanden wird. Heute gesellte sich jedoch ein Vater mit seinen Söhnen dazu. Der Ältere sprach gut Englisch. Der Vater gab ihm auf, zu übersetzen. Sie leben in Tabriz und ich soll mich unbedingt melden, wenn ich dort bin. Sie würden mir die wichtigsten Dinge der Stadt zeigen wollen. Na, mal sehen, ob ich das annehme.
Die Hotelsuche war einfach. Halten an der Polizeistation, fragen und mit Blaulicht zum Hotel bringen lassen. Insofern war der Tag auch ganz schön.
Ob jetzt noch einmal Bilder hochlade? Gestern habe ich mir dabei als Daten zerschossen. Ich muss mir die Sache überlegen.
Und dann ist mir wieder eine tolle  Sache passiert. Ist ja Ramadan, bekommste vor 21 Uhr nichts zu futtern. Ich Frage den Hotelboy. Der zeigt die Hauptstraße runter, dreht mit der Hand zwei Kringel in die Luft und winkt dann nach Rechts und Links. Gehe die Straße hoch, beim zweiten Kreisverkehr sind rechts und links Lokale. Ich also los.   Ein Stück nach dem ersten Kreis sieht es hinter einem Schaufenster verdammt gut nach Gaststätte aus. Bestimmt zu zwei Drittel besetzt. Da spare ich mir Fersengeld. "Salam!" Gibt es etwas zu essen? Frage ich mit meinem Dolmetscher einen jungen Mann im roten Servierjäckchen. Er wirkt ein bisschen unsicher. Es kommen zwei Männer dazu. Handschlag, woher? Germany gut. Ich schaue mich um. Rechts sitzen nur Frauen, alle im typischen Landesschwarz. Sie wirken munter. Links sitzen nur Männer. Die sehen aus wie bei uns. Ich Frage nach, ob es tatsächlich eine Gaststätte ist. Ja, klar, gutes Essen. Mir wird ein Mann vorgestellt. Ich verstehe nichts. Setz dich Mal hier an die Ecke. Ist ja schön, ich sitze zwischen allen Stühlen. Germany ist neutral. Es kommen noch Frauen herein. Da muss ich mich umsetzen. Die vom Männertisch winken schon. Der mir gegenüber sitzt kann ein paar Brocken Deutsch. Sein Bruder lebt in Heidelberg. Ja, ja, ein gutes Lokal. Bald kommt die Suppe. Tomate mit  Graupen und Möhrenstiften.  Mit dem Salz hat man es im Iran nicht so. Ich soll das Brot dazu essen und die "dekmäh" ( Reis, Gewürze in Weinblättern). Salat steht in einer Plastikverpackung bereit. Ich und Ungekochtes, da kann ich mir gleich die Hose zubinden. Zwischendurch ein süßer Happen Halva mit Pistazienhack. Ja, ich reise alleine. Mein Freund bekommt das Bein nicht mehr über den Sattel. Ich mache vor. Verstehende Erheiterung. Ich versuchen ihnen meine Reiseroute vorzustellen. Sie sind begeistert und schütteln den Kopf. Jetzt kommt Reis und Kebab. Die gegrillte Tomate mischt man unter den Reis. Ebenso den Frischkäse. Mit Sumac bestreuen gibt es manchmal etwas mehr Würze. Tee, Cola, Wasser helfen gegen den Durst. Zu guter Letzt schließt ein kastaniengroßer süßer Happen den Magen. Dann noch für jeden eine Banane für den Weg. Ich sei von Herrn Mesikli eingeladen. Ist das nicht prima. Er freut sich, dass er mich einladen konnte. Ich soll noch mit nach Hause kommen. Ich lehne dankend ab. Morgen wieder fit aufs Motorrad und so. Ich vermute, man hatte zum gemeinsamen Fasten brechen geladen aber was das genau war? Jedenfalls war es nett und ich hatte Unterhaltung. So geht es hier zu.

Sonntag, 4. Juni 2017

Weiter in den Bergen

Nach dem Frühstück verabschiedete ich mich von Ali und seiner Frau. Ich musste wieder mit dem Bruder Maji telefonieren. Er hält sich in Teheran auf, lebt aber in Berlin. Er veklickerte mir, das Ali alles geregelt habe. Ich müsse nur die Übernachtungen bezahlen. Lunch und Dinner würde ich so bekommen. Außerdem sei ich ganz herzlich nach Teheran eingeladen, natürlich mit Sabine. Es gelang mir nicht, etwas auszuschlagen. Zu guter Letzt überreichte Ali mir noch eine Riesenpackung Tee aus der Region. Ich konnte es nicht zurückweisen.
Also fuhr ich reich beschenkt nach Rasht.
Es muss gegen 1890 gewesen sein, als man von Berlin ziemlich direkt nach Rasht reisen konnte. Die Stadt war Ausgangspunkt für Persienreisende. Mit der Eisenbahn ging es nach Odessa. Dort wartete ein dicker Dampfer und brachte die Reisenden nach Batumi. Ab hier stieg man wieder in Wagongs und die russische Lokomotive zog alles über Tiflis nach Baku. Ein Schiff  brachte die​ Fremden zum Hafen Bandar Anzali. Ab hier ging es mit dem Kamel, dem Pferd oder mit dem fliegenden Teppich nach Rasht und weiter nach Teheran.
Heute ist es eine moderne Stadt. Vom Alten ist kaum etwas zu sehen. Also fuhr ich weiter. Das war nicht so einfach, denn der Weg war schwer zu finden. Ich fand wieder einen Motorradfahrer, der mir vorfuhr. An einer wuseligen Ecke passierte es dann doch. Ich hielt lieber an, als mich in Gefahr zu bringen. Schon schepperte es. Mir fuhr einer in den Koffer. Er schimpfte auf mich. Sein Scheinwerferglas hatte es zerbröselt. Der Motorradfahrer wies ihn zurecht. Und der Polizist winkte ihn weiter. Außer einen weiteren Kratzer hatte der Koffer nichts abbekommen. Ich sollte einfach weiterfahren. So habe ich das dann auch getahn. Dann kam aber erst der richtige Stau. Gefühlte 45 Minuten ging es in schönster Mittagssonne stop and go zu einer Baustelle. Ich war froh, unfallfrei den Stau überlebt zu haben.
In Asalem fand ich den Abzweig nach Khalkhal, meinem heutigen Ziel. Eine schöne Gebirgsstraße führt in den Bergort. Wie hier üblich, ist die Straße​ von Hüttenrestaurants gesäumt. Schade, das alle fasten. Es gab noch kein gegrilltes Lamm. Eine Art Ayran und 'ne Sprite konnte ich ergattern. Kleine Sandkuchen vom "Vortag" fand ich in der Satteltasche. Es half über den Tiefpunkt. Ebenso brachte ein  Nickerchen im kühlen Schatten einer Buche frische Energie. Immer wieder wird die Biene bestaunt. Ich bin mit ihr und den Männern z.Z. das am meisten fotografierte Objekt im Iran. Inzwischen habe ich Gleichmut entwickelt und Ertrage es mit Fassung. Bei einem Fotostop bekam ich einen Tee und musste mich wieder ablichten lassen.  Um mich herum habe  sich das Sabalan Gebirge und die  nördliche Ausläufer des Elburz Gebirges aufgebaut. Am dichten Buchenwald ist erkennbar, dass es häufiger regnet. Das Gehölz und  grüne Buschwerk nehmen dem beigen Fels die schroffe Härte. Alles  sieht lieblicher aus. Die Sonne und die dicken weißen Wolken unterstreichen das freundliche Gesicht der Berglandschaft. Das feuchte Wetter bekommt auch der Moghan-Ebene gut. Gemüse und Früchte wachsen zielstrebig.
Die Orte sind von Weitem nett anzuschauen, kommt man näher zeigen sie sich oft Vernachlässigtes.
Ein ordentliches Hotel für einen angemessenen Preis ist schnell gefunden, mit WiFi.

So, jetzt ist passiert, was ganz schrecklich ist, Google hat meinen Bilderspeicher gelöscht und ich habe kein einziges Bild mehr. Das Zwischendurchspeichern war erfolglos und so verlasse ich Persien ohne meine Bilder. So ist das eben. Sehr schade. Zum Heulen....