Dienstag, 20. Juni 2017

Durch die Weiten der Haselnußhügel und schwupp in Europa

Heutzutage sind die Regenkleider gut zu tragen. Sie halten über weite Strecken dicht und die innere Wärme wird ordentlich abgeführt. Irgendwann ist man die Beregnung dann doch leid. Wolken aus denen unaufhörlich dicke Tropfen schwappen behindern die Sicht, die Straßenbegrenzung lädt sich nur erahnen. So geht's strecknweise dahin. Die Pfützen werden tiefer, kleine Bäche rinnen über den Belag. Holzauge sei wachsam. Am Eingang einer Stadt winkt ein Hotel. Ich bin abgelenkt und fahre vorbei. Das nächste wird genommen. Es hat sich etwas zurückgenommen, steckt hinter Bäumen. Ganz neu ist es nicht mehr. Auch Innen hat es seine Zeit gehabt. Die Betten sind frisch bezogen. Die Dusche spendet heißes Wasser. 12  € und der Wirt kocht Tee. Wir sitzen in seinem "Wartereich." Er sitzt den ganzen Tag dort, der Fernseher läuft, zwischendurch klingelt das Handy. Mekan ist Rentner, 1400 TL (geteilt durch vier). Oben fehlen ihm alle Zähne. Er lebt ohne Frau, kennt aber zwei hübsche Russinnen. Die arbeiten auf der südlichen Seite am Meer. Ein Gebiss möchte er nicht, schließlich fährt er einen alten Mercedes (1994). Implantate sollen es sein. Na ja, bei der Rente. Deutschland findet er gut, die PKK nicht. Das ich in Kurdistan war findet er beachtlich, wo sie im TV gerade berichten, dass man Widerstandskämpfer gefangen nahm. Bei seinem Kumpel bestellt er mir "türkische Pizza," mit grobem Hackfleisch belegt und Ayran (inzwischen mein Bierersatz).
Im Bett denke ich darüber nach, Hotels mit einer Anzahl flügelloser Insekten zu kategorisieren. Von einem bis zu fünf Insekten. ZB. ein Insekt: deutlich abgewohnt, Teppich stellenweise bis auf das Gewebe durchgegeben, Türen schließen schlecht, Klo und Dusche mit grauen Spuren in Ecken, Bettwäsche frisch, bei offenem Fenster kein muffiger Geruch. Oder Kat. drei (3 Insekten): deutlich abgewohnt, schöne Risse verzieren Treppenhaus und Zimmer, Stolperstellen im abgelatschten Teppich, Tür lässt sich nur mit Trick verschließen, die Bettwäsche könnte schon mind. einen Bewohner vorher gehabt haben, Dusche tropft, heißes Wasser kommt erst nach langer Zeit, die Klobrille hängt auf halb Sieben, Fugen der Fliesen ausgebrochen und schön grau, es duftet nach Abfluss, der Seifenhalter ist gebrochen, die Handtücher sind frisch, die Anzahl der flügellosen Insekten im Bett beschränkt sich auf drei pro Meter hoch zwei, der Wirt ist freundlich und kocht Tee.
Es regnete die ganze Nacht, mein nächtliches Nachschauen half nichts, es goss weiter. Jedoch, der Morgen brachte die Änderung vom Dunkelgrau zu Hellgrau mit lichten Flecken. Da kommt Freude auf. Es kann nur besser werden. In Ruhe einpacken, duschen, rasieren, abhusten. Alles will getan sein. Die Handschuhe hatte ich mittels Klopapier und Föhn fast trocken bekommen. Die Heizgriffe mache den Rest. Es ist wunderbar dem anspringen den Motor zuzuhören. Gleich schiebt er mich auf die Straße und die ist vielversprechend.
Sie Küste arbeitet sich steil ins Mittelgebirge empor. Dort oben sieht es aus, als wäre ein friedlich wogendes Meer erstarrt. Man hat es mit Haselnußbüschen bepflanzt. Das kräftige Grün gibt der Landschaft die prägende Farbe. Kleine Dörfer unterbrechen den Fluß der Straße. Selten noch, grüßen graue Holzhäuser aus vergangener Zeit. Es riecht nach Stall. Alte Mütterchen hüten auf einen Stock gestützt ein oder zwei Kühe. Eine Ziegenherde bestimmt den Verkehr.
Mit dem Aufkommen der Autos, so hatte ich den Eindruck, nutzten viele Männer das Turbohochleistungsöl für ihr Auto auch als Gleitmittel beim Sex. Die darin enthaltenen Gene haben sich besonders auf ihre Sprösslinge übertragen. Sie holen aus ihren Autos raus, was das Öl hergibt. Es spielt keine Rolle, wenn dabei ein alter Motorradfahrer in den Graben geschoben wird, nur weil man in der Kurve den Gegenverkehr nicht rechtzeitig sehen konnte. Ich fahre gelassen und defensiv. Damit bin ich nicht schnell aber sicher unterwegs auf der Strecke, die sich wie eine Achterbahn durch das stille Meer der Hügel zieht. Es macht Freude, hier unterwegs zu sein.
Die neuen Brücke über den Bosporus sollte meine Biene und mich tragen. Eine gigantische Brücke. 1408 Meter spannt sie über die Enge, hängend an dicken Seilen. Die Ideen eines Thüringer, eine Mischung aus Hänge-und Schrägseilbrücke, ist von einer Schweizer Firma umgesetzt worden. Die beiden Pylone messen in der Höhe 322 Meter. Sie sind unbedeutend kürzer als der Eiffelturm. Die Seile wirken wie Saiten einer Harfe. Sie halten die Fahrbahn in der Schwebe. In der Mitte rasen Hochgeschwindigkeitszüge hin und her. Autos und Lkw's teilen sich je vier Fahrbahnen an den äußeren Rändern. Es ist gelungen, dem Beton eine ungewöhnliche Leichtigkeit zu geben.
Mit dem Finden der Zufahrt war es nicht ganz so leicht. Meine antiquarische Türkeikarte verzeichnete die Brücke noch nicht. Auch ein bekannter Internetanbieter von Routen, kannte die Verbindung noch nicht obwohl sie auf seiner Karte angezeigt wurde. Instinkt, wo es langgezogene könnte, habe ich inzwischen entwickelt. Und tatsächlich, dort wo ich dachte, gab es ein Hinweisschild "Yaviz-Sultan-Selim..." (es soll sich um einen Herrscher handeln, der so manchen dahin scheiden ließ.) Die alte Straße zur Brückenautobahn hatte unter den vielen Lastern, die immer noch dicht an dicht Baumaterial transportieren, stark gelitten. Ein Überholen war kaum möglich, weil immer welche entgegen kamen. Und trotzdem, die mit dem Ölgen konnten es nicht lassen. Dann kam die Auffahrt auf die Autobahn (sie soll einmal Edirne mit Ankara verbinden), die ich nicht für voll nahm. Eine Schotterpiste mit pfützigen Schlaglöchern. Nach vier Kilometern fragte ich nach. Man wies mir die Richtung zurück. Beeindruckend war die Querung auf der modernen Brücke. So ein Gewicht zu kontrollieren und zu halten und das in der Höhe zu bauen ( es gab einen schweren Unfall, der den Bau verzögerte), alle Achtung.
Jetzt bin ich wieder in Europa. Habe drei Sterne im Hotelnamen, gut gegessen, mein letztes Waschmittel verwachsen und werde morgen in Ruhe nach Edirne reisen.

Samstag, 17. Juni 2017

Verschnupft in Amasra

Am frühen Abend eines kalten Januarabends geboren und fünf Monate später durch die Luftbrücke ernährt, sind mir Erkältungen bestens vertraut. Bis heute kann ich den Viren nichts abgewinnen. Sie bedrohen mich. Ich kann das Leid nicht leicht nehmen. Als Kind musste ich im Winter, wenn ich durchgefroren nach Hause kam, sofort ein heißes Fußbad nehmen. Damit der Junge nicht krank wird. Na ja, heute mache ich ein wenig ruhiger.
So langsam ist es wie mit einem Luftballon, je älter er wird, um so weniger Luft behält er. Es ist schwer, über eine solche Reise, den Ballon immer prall zu halten. Die vielen Eindrücke helfen der Leere zur Fülle, doch manches wird erst später zur gewünschten Luft. Später, wenn das Erzählte am Gegenüber reflektiert werden kann. Das Schreiben ist mir eine Lust. Es leert den "Speicher" und macht Platz für Neue. Ins Chaos des Erlebten kehrt vorübergehend Ordnung ein. Sie ist notwendig, damit wieder Chaos entstehen kann. Der Wechsel zwischen beiden Seiten sorgt für Entwicklung, die Verstehen erleichtert.
In den letzten beiden Tagen bin ich erst an der Küste entlang und später durch die sehr schöne  Mittelgebirgslandschaft, die zum schwarzen Meer hin abfällt, gereist. Am Rand des Meeres wird eine Autobahn gebaut. Kilometerlang ging es auf Schotten dahin. Da konnte die Tenere wieder zeigen, was sie so kann. Landeinwärts zeigt sich eine Mischung aus Schwarzwald, Eifel und Böhmer Wald. Kleine Häuser zwängen sich in die Hänge, Kühe weiden am Rande der Autobahn. Bäuerliche Kleinwirtschaft gibt den Eingesessenen Brot zum Leben.  Die Bergstrecken stören die Biene nicht. Mühelos spaziert sie Kurve um Kurve in die Höhe. Da zeigt sich ihre wahre Größe.
Ich möchte die Begegnung mit einem Berliner Motorradpärchen erzählen. Beide sind in Berlin gestartet. Denise und Esben haben sich kleine Honda Enduros gekauft, 26 PS. Die sind leicht zu händeln. Damit wollen sie eine Weltumrundung fahren. Er ein freundlicher rotblonder Däne und sie eine freundliche Blondine. Beide strahlten soviel Lebensfreude aus, dass ich am liebsten mitgefahren wäre. Unter "Motourama" kann man ihre Tour im Internet verfolgen. Das sind die Situationen im Leben, in denen man sich erinnert, was man hat und mit wieviel Glück alles verbunden ist.
Viel mehr ist heute nicht drin, mein Kopf brummt, die Nase läuft und der Husten sucht sich seinen Weg.
Drückt mir die Daumen, dass es weiterhin so wunderbar nach Hause geht.

Donnerstag, 15. Juni 2017

Abendstimmung im Fastenmonat

Sanft schaukeln die Wellen das Restaurant in der untergehenden Abendsonne. Sie wirft lange Schatten in das Hafenbecken und verteilt ihre letzten Strahlen auf die roten und gelben Fischtrawler. Möven fliegen eine kleine Abendrunde, äugen nach einem letzten Happen. Sie kreischen zänkisch und jagen der Nachbarin den Fang ab. An den Schiffsmasten fangen die rote Fahnen mit dem weißen Halbmond den Abendwind ein. Einige schlafen schon, so still hängen sie.
Schaue ich über die Mohle, dorthin, wo das Schwarze Meer, das gar nicht so schwarz ist, in den Strand übergeht, reihen sich kleine weiße Häuser die Küste empor. Bäume unterbrechen die klaren  Linien. Weit hinten am Horizont ist es bereits Nacht.
Heute gehöre ich zu den Ungläubigen. Ich esse bereits vor dem Böllerschuss, der vom Ende des Fastentages kündet. Kleine in Öl gebackene Fische zieren den großen Teller. Sie zeigen Bauch und durch die leichte Panade schimmert ein zuückhaltendes  Rot mit hellgrün silbrigen Streifen. Die Zwiebeln schmecken nicht vor und lassen dem Salat seinen eigenen Geschmack.
In unserem christlichen Abendland wäre die hier erlebte Art der Enthaltung nicht denkbar. Und dann auch noch einen ganzen Monat. Über Tag könnten die Biergärten kein Geld verdienen. Bayern, dort wo der christliche Glaube fast türkisch ist, ist doch tagsüber ohne Haxe und Bier nicht vorstellbar. Hinzu käme der pekuniäre Ausfall, der einer haushaltstechnischen Kathastrophe gleich käme. Jedenfalls lebt man hier ganz gut damit und mir lassen sie meine kleinen Ausfälle durchgehen. Ich muss nur darauf achten, rechtzeitig im Lokal zu sein, sonst sind alle Plätze belegt.

Mittwoch, 14. Juni 2017

Ali und die 40 Döner

In Sinop hatte ich gerade meinen Rundgang beendet und mich für drei Tage vor Ort entschieden, da werde ich schon angesprochen.  "Dein Motorrad, du kommst aus Berlin?" "Ja, stimmt und Sie? Wo haben sie Deutsch gelernt?" Der Mann mit dem kräftigen Schnauzer:" Komm, Tee trinken, ach, Ramadan hier nicht so streng."
Wir gehen ums nächste Haus, sind an der Hafenkante. Typisches Teehaus, nur Männer. Einige spielen Karten oder Backgammon.
"Was machst du?" Ich erzähle von meiner Reise. Er ist sichtlich beeindruckt. "Und du," frage ich. Er teilt das Schicksal vieler Türken, sein Name ist Ali. Einfach zu merken. Ali macht Urlaub. Wir kommen ins Gespräch, das eine erstaunliche Entwicklung nimmt.
Sein Vater lebte auf der Halbinsel in Sinop, wo er kaum etwas zu tun hatte. Als er 18 wurde brach er mit anderen 1961 nach Deutschland auf. Düsseldorf! Muss furchtbar gewesen sei. Schwere Arbeit, schlafen in Baracke. Mein Vater ist clever, nahm sich mit Freunden eine Wohnung, heiratete, hatte schickes Auto. Der Vater hatte 1970 eine eigene Wohnung. Ali und Mutter wurden mit dem Opel  nach dem Sommer mit nach Düsseldorf genommen. Kleine Schwester musste bei Oma bleiben. Sein Vater war modern, schickte die Mutter zum Putzen ins Krankenhaus, ihn in den Kindergarten. War dort das erste Türkenkind. Schule war gut, Mathe und so prima. Ali auf's Gymnasium. Kommt doch 1983 der Onkel nach Düsseldorf und macht Dönerrestaurant auf. "Am Nachmittag helfe ich immer. Bald kommt ganze Klasse zum Mittagessen. Restaurant läuft gut." "Und wie hast du das mit der Schule gemacht?" "Na ja, ich war gut. Besonders Physik. Ich konnte am spezifischen Gewicht feststellen, ob der Döner mit gutem Fleisch war." Der Onkel fragt, ob er eigenes Restaurant haben möchte. Hat er nicht nein gesagt, Führerschein gemacht Auto gekauft und so. Auch Ali ist clever. Bald hat er vier Dönerbuden und lässt andere "mitarbeiten." Schule adieu. Bald macht er nur noch in Dönerherstellung. "Kleine Fabrik, weißt du. War nicht einfach." Etwas gedankenversunken streicht er sich über eine dicke Narbe am rechten Unterarm. "In die Maschine gekommen," frage ich. "Ne, ne, ist eine andere Geschichte." Ich sage: "Du bist also Dönerkönig von Düsseldorf?" Er wehrt mit leichter Geste und einem Lächeln ab, "nein, nicht König, aber gutes Geschäft."
Und jetzt kommt es erst richtig. "Ist doch schade mit der Schule. Du hättest Physik studieren können,"  hake ich nach. Ja, sagt er, hätte ich. Habe auch was über Einstein geschrieben, toller Typ. Das mit der Zeitkrümmung und das sich das Universum ausdehnt findet er stark. Er sei das Beste Beispiel dafür. "Ali, du dehnst dich doch nicht aus!" "Doch," sagt er, "ganz einfach. Du kennst doch die Geschichte mit dem Reiskorn und dem Schachbrett, 1,2,4 und so. Am Ende kannst du die ganze Verwandtschaft satt machen." Steckst du ein Korn in die Erde, bekommst du mehr zurück. Wo soll denn das ganze Korn hin, wen sich die Erde nicht ausdehnen würde. "Einen Döner angefangen, jetzt ganz viele. Stell dir vor, alle Soldaten von deutscher Wehrmacht wären nicht im Krieg erschossen, sondern hätten alle Kinder. Deutschland total voll. Keine Türken, keine Döner und ich armer Mann, legt er lachend nach. "Ali, ich bin beeindruckt und wie geht das mit der Zeitkrümmung?" "Na, ganz einfach," er legt den Kopf zur Seite, "musst du dir wie Hängematte vorstellen. Netz von Hängematte." Er malt mit seinen Händen ein Netz in die Luft. Dort wo die Matte am Baum hängt, ist die Zeit kurz. Kind bist du nicht lange, Schule, Arbeit. Dann kommt  Geld verdienen. Hast du den Hintern in der Matte, ist das Netz weit. Du hast mehr Zeit. Jetzt, wo ich alt werde, hängt die Liege wieder dichter am Baum. Die Maschen werden kurz, die Zeit geht schnell. "Merkst du das nicht?" Er sieht mich forschend an. Ganz abstreiten kann ich nicht, dass die Zeit schneller vergeht als früher. Ob das an der Hängematte liegt?
Meine Frage nach einem Hotel beantwortet er mit "komm!" Er telefoniert kurz und wir gehen wieder ums Eck über die Straße. "Hotel 57, " der Besitzer arbeitete auch in Deutschland. In der Nähe vom Tegernsee. Seine Tochter spricht perfekt deutsch. Da kann nichts schief gehen. Zimmer und Preis sind gut. Ich kann aufs Meer schauen und die Katzen auf den Dächern beobachten.
Wieder gut getroffen!

Dienstag, 13. Juni 2017

Küstenautobahn

Entlang des Schwarzen Meeres haben Arbeiter die Pläne der Ingenieure in eine Autobahn gewandelt. Oft sieht man Spuren, die dicke Maschinen in die Felswände gezeichnet haben. Dort wo die Felsen zu hart oder Boden nicht enteignet werden konnte, habe die schweren Geräte das Gewässer verschüttet. Die Trabzoner müssen seit dem die Betonpiste überqueren, um ans Wasser zu gelangen. Wie in vielen der Küstenorte zieht sich das Häusermeer einige Kilometer dahin. In die Höhe konnte man nicht bauen. So richtig schön ist das nicht. Mit den Neubauten wird versucht, Farbe ins Grau zu bringen. Es gelingt bei Sonnenschein ganz gut. Das feuchtwarme Klima bestimmt die Bemalung der älteren Häuser: Pilzgraugrün, besonders in den Ecken, die keine Sonnenstrahlen abbekommen.
In Trabzon wollte ich etwas rasten. Die Biene hatte eine Durchsicht verdient. Zündkerzen nachsehen, Vergaser und Bremsen prüfen, na ja, was eben so eine Biene braucht. Im Internet wurde ein Werkstatt angezeigt. Mit dem Taxinavi fand ich sie letztlich. Sie sollte ab 8 Uhr offen haben. Gegen 9:15 kam der Chef und schloss auf. Er konnte die Arbeiten nicht ausführen​, bei einem solchen Motorrad schon gar nicht. Ankara, 850 km oder Istanbul, 1450 km wurden angeboten. Ich habe wohl sehr enttäuscht geschaut. Dann, nach einer kurzen Pause schlug er noch Samsun vor. Er sei sich sicher, dort können die Arbeiten erledigt werden. Der Hotelmitarbeiter hatte Verständnis für meine Lage. Es gab kein Problem bei der unerwarteten Abreise.
Jetzt hatte ich nur noch ein Ziel vor Augen, Werkstatt Samsun, 360 km. Mit dem Kradl darf man nur 90 km/h auf dem Highway rollen. Es gibt regelmäßig Kontrollen. Zu schnelles Fahren kann teuer werden. Unterwegs traf ich noch eine Biker aus England. Über Spanien, Frankreich und die Balkanstaaten war er auf den Weg nach Georgien. Er war schon in Australien, Indonesien und wollte jetzt noch Neuseeland kennen lernen. Netter junger Mann. Gegen 15:30 erreichte ich die östlichen Ausläufer von Samsun. Um zur Werkstatt zu gelangen, musste ich zum anderen Ende der Stadt 19 km fahren.
Die Typen waren wieder einmal originell. Sie kannten eine Mechaniker in Deutschland, den sie anriefen. Der übersetzte mein Begehr und bald wurde eifrig geschraubt. Besonders gefiel mir Alsu mit seinem Hund Friedrich Nietzsche. Er hatte dicke tätowierte Arme, Bart und fuhr eben auch Motorrad. Leider war das Gespräch mit ihm begrenzt. Nietzsche ins Englische zu übersetzen gelang mir schon deshalb nicht, weil ich ihn selbst kaum verstanden habe. Auch Biker sind jenseits von Gut und  böse. Der Meister hingegen druckte sich die Wartungsanleitung für die Tenere aus und hakte fleißig ab. Die Zündkerzen sahen gut aus, das hätte ich bei dem "Sprit" der letzten Wochen nicht gedacht. Zwischendurch erzählte ich von meiner Tour. Das kam gut an. Der Preis war überraschend gut aber die Zeit war verstrichen. Fast 18 Uhr zeigte die Uhr. Zuversichtlich fuhr ich aus der Stadt. Auch auf dem Land gibt es Hotels. Na ja, gegen 19 Uhr musste Sabines Zauberspruch herhalten und siehe da, nach der nächsten Kurve wies ein Schild zum Hotel. Sehr ordentlich, sehr preiswert und ein gutes Abendbuffet. Ich habe Zeit und so schaute ich am Morgen in den Reiseführer, welcher nächst Beste Ort zum Verweilen einladen würde.
Ich schreibe aus Sinop. Eine kleine Halbinsel beherbergt den Ort. Hätten die Russen damals keine Kanonade auf den Ort losgelassen , wäre er noch schöner. Nur wenige alte Häuser sind erhalten geblieben. So verdient er drei Tage Verweilen.

Samstag, 10. Juni 2017

Ein bisschen Ällgäu in Ostanatolien

Inzwischen bin ich am Schwarzen Meer. Es regnet und man kann das Meer nicht vom Himmel unterscheiden. Grau ist die  bestimmende Farbe. Hatte ich schon lange nicht mehr.

Meien Augen spazieren über die fruchtbare Steppe. Sie stolpern über Steinhaufen, bleiben an kurzen Büscheln hängen. Ehe sie die Berge im diesigen Licht erreichen, haben sie die Entfernung noch nicht erfasst. Es ist die Länge der Augenwanderung, die sich von bisher betrachteten Landschaften und unterscheidet. Unterhalb des westlichen Ararat im ostanatolischen Hochland ändert sich die Landschaft. Sie erinnert ein wenig an das Allgäu. Grüne Almflächen wachsen die Hügel empor. Jetzt, wo das frühe Jahr aus vollen Zügen lebt, ziehen Matten gelber Blumen die Hänge empor. Blüten in zartem Lila wiegen sich dazwischen im Wind wie ein Tüllschleier. Fällt das Licht der Sonne günstig zeigen sich weiße kleine Blüher an ihren Rispen wie zarte Wellen am Meer. Zwei große Greifvögel mit ausladenden Schwingen lassen sich von der mageren Thermik  tragen. Immer wieder helfen ihre Flügelschläge, die Höhe zu halten. Prachtvoll. Vom Pflug gebrochene Erde treib ihren feuchten Atem über die Straße. Letzte Schneeresten zeugen vom eisigen Winter. Die Abstände machen den Unterschied zum Allgäu aus. Alles wirkt großzügiger. Nur die Almhütten, die sich am geschütztem Fleck versammelt habe, sind aus grauem Balkenholz. Jede hat eine Veranda, auf der sich der Abend erwarten lässt. Wellblechdächer an Stelle von Schindeln. Menschen hämmern und graben. Für den Almsommer soll alles gerichtet sein. Ein idyllisches Dorf.
Später dann, auf der dem Schwarzen Meer zugewandten Seite wachsen Kiefern und Laubbäume. Sie schenken mir ein wenig Heimat. Eine Wiesenflächen im Hochwald mit kleinen Picknickpavillons lädt zu verweilen ein. Ruhe über Allem. Kühe mapfen Gras und schauen treu. Eine Hündin beäugt mich und sichert ihr Revier. Ein Platz für eine Nacht. Jedoch, das Wetter ist trügerisch. Die Wolken sehen nicht freundlich aus. Gestern, am Abend, gab es ein heftiges Gewitter mit haselnussgroßen Hagelkörnern. Das möchte ich nicht hier oben erleben. Eine wunderbare "Alpenstraße" erwartet den Motorradfahrer. Im oberen Teil durch die engen Serpentinen anspruchsvoll. Weiter unter sind die Kurven weicher. Es lässt sich wunderbar "cruisen." Die Laster, die schnell nach Hause wollen lasse ich gerne vorbei. Eine zeitlang sprang ein Bach, später ein Fluss neben dem Fahrweg. Er wird in einem riesigen See gestaut. Der Fluß Coruh speist mit seine Nebenquellen dieses gigantische Gewässer. Jetzt, wo die Straße weit oberhalb verläuft, sieht man welche Täler überflutet sind.
Ein kleines Hotel in Arhavi bietet Bett, Dusche und WiFi. Es ist höchste Zeit, denn bald verschwimmt der Horizont des Meeres im Grau des Himmels. Wenig später fallen die Tropfen aus den Wolken und hören den ganzen Abend nicht mehr auf.

Letzte Schneeresten auf den Gipfeln zeugen von kalten Wintern. Der Unterschied zu den bayerischen Bergen liegt in den Abständen. Alles ist größzügiger.

Freitag, 9. Juni 2017

Frauenfrage

Als ich Kind war, beobachtete ich, wie meine Mutter Geld in Briefumschläge tat. In einer Zigarrenkiste schienen sie sicher. Es war das wöchentliche Haushaltsgeld. Ab 1954 durfte sie nach Absprache mit meinem Vater als Aushilfe im nahen Krämerladen bei Herrn Schulz arbeiten. Später beim Maschenaufziehen (die Perlons wurden noch repariert). Das Lochen der Lottoscheine kam später. Eine Kleinigkeit konnte sie sich selbst kaufen, bei einem Kostüm musste verhandelt werden. Sabine geht Shoppen und kommt mit hübschen Sachen nach Hause. Ich bekomme sie immer ganz frisch vorgeführt.
Im Iran scheinen die meisten Frauen den Haushalt zu führen. In Hotels erlebte ich Frauen an der Rezeption. Sie könnten meist Englisch  sprechen. In den BH Abteilungen der Basare boten männliche Fachverkäufer die Ware an. Feldarbeiterin, Lehrerin und Krankenschwester sind Berufe, in denen sich Iranerinnen besonders wohl zu fühlen scheinen. Alis (lernte ich am Kaspischen Meer kennen) zweite Tochter ist eher eine Ausnahme. Sie ist promovierte Biologin und arbeitet in einem Labor. In einer Bildungsschicht ist immer mehr möglich. In einem Gespräch mit einem deutschen sprechenden Iraner erfuhr ich, dass er vor der Revolution mit seiner Freundin gemeinsam baden ging. Sie im Bikini. Heute trenne ein Bretterzaun Männer und Frauen voneinander. Die jungen Leute hätten keine Freude mehr. Früher gab es eine Bordellstraße, heute sei alles verboten. Seine Tochter soll später zur Uni gehen. Er fand gut, dass jeder für sich eine Arbeit entwickeln kann. Sei es Feuerzeuge auf der Straße verkaufen. 
Also, ein bisschen hatte ich die Frauen in ihren schwarzen Umhüllungen satt. Schuhe, Hose, Überkleid und Umhang, alles schwarz. Der weite Umhang verhüllte den Kopf, manchmal Teile des Gesichts und wurde mit der rechten Hand vor dem Kind zusammengehalten. Manch Umhang hatte ein dezentes  Muster, wahrscheinlich ein Wagnis. Wurde die rechte Hand benötigt, hielten die Zähne den Überwurf beieinander. Sie huschen  wie Fledermäuse durch die Straßen. Es gibt viele Frauen, die sich westlicher kleiden. Ein Kopftuch fehlt nie, ebenso ein gedecktes, den Körper verschleierndes Kleid. Ich bin mir nicht sicher, wie viele von ihnen das Schwarz abwerfen möchten. Sie sind es gewohnt. Wann kommt man in die Lage, Veränderungen Raum zu geben? Wie lange hat es bei mir gedauert, bis ich die lila Latzhose als Recht auf eine eigene Persönlichkeit nachfühlen konnte. Noch schwerer war es, die eigene Person mit allen Widersprüchen anzunehmen. Der schwarze Umhang wirkt doch unterdrückend. Selten sah ich eine Frau stolzen Ganges auf mich zugehen. Schöne Landschaft, alte Kultur, freundliche Menschen, phantastische Märchen, was hindert das Land, alles zu zeigen was es hat?